Wintersonnwende, Thomastag, Rauhnächte und die wilde Perchta

Wintersonnwende, 4. Advent, Thomastag, und je nach Zählung auch der Beginn der geheimnisumwitterten, dunklen Rauhnächte.

Wie ihr seht, ist heute Sonntag, 21. Dezember, so einiges los, und während ich heute im Nebel zu Füssen einer mächtigen Fichte sass, direkt am Rand zur Schlucht, machte ich mir Gedanken, worüber ich heute in mein Naturtagebuch schreibe.

Was die Natur betrifft, so ist die Wintersonnwende wohl das wichtigste Ereignis. Nun hat die Sonne ihren Tiefststand erreicht und die Tage werden wieder länger. Diese längere Sonnenscheindauer, die Tatsache, dass die Sonne langsam wieder höher zu stehen kommt und dadurch zunehmend an Kraft gewinnt, wirkt sich unmittelbar – wenn vorerst auch im Verborgenen – auf die Natur aus.

Wir Menschen spüren meistens erst ab ungefähr Lichtmess (2. Februar) merklich, dass die Tage wieder länger werden. Zuvor stehen uns aber noch viele dunkle, kalte Nächte bevor.

Nun zum Thomastag: Weil am 21. Dezember die Wintersonnenwende ist, ist der Thomastag gleichzeitig (meistens) der kürzeste Tag des Jahres, ihm ging – vom 20. auf den 21. Dezember – die Thomasnacht als längste Nacht des Jahres voraus. In dieser vergangenen Nacht wurden von unseren Vorfahren allerlei Orakelbräuche ausgeübt.

Am heutigen Thomastag, wie auch am Weihnachtsabend, zu Silvester und am Dreikönigstage (Epiphania), war es zudem in vielen Regionen üblich, vornehmlich abends zwischen 18 und 19 Uhr mit einem Rauchgefäss unter Gebeten zuerst durch sämtliche Wohnräume zu schreiten, danach durch alle übrigen Räume und Stallungen. Es wurde auch mit Weihwasser gesprengt und in den Räumen ein am Palmsonntag gesegneter Palmzweig hingelegt.

Da nun dieses Ausräuchern ehemals vorzugsweise in der Zeit zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstage geschah, wurden auch die sogenannten «Zwölften» häufig als Rauhnächte bezeichnet.

Doch diese ZWÖLFTEN stammen aus vorchristlicher Zeit und haben ihre ganz eigene Struktur, die sich an keinem Kirchenkalender orientiert. Denn für die germanischen – und schon keltischen – Bewohner unserer nördlichen Breiten, war die Zeit um den 22. Dezember ein Datum, welches sie zutiefst erschütterte: Es war die längste Nacht. Der absolute Tiefpunkt.

«Doch bald würde die lähmende Dunkelheit schwinden. Spürbar würde täglich die Helligkeit zunehmen. Die Menschen würden die dämmrigen, raucherfüllten, frostigen Behausungen verlassen können. Auf Schritt und Tritt spürte man das Walten der Zaubernächte. Zwar wehrten sich die Dämonen des Dunkels gegen das Lichtwerden. Doch die Schöpferkraft der ewigen Natur brachte, über kurz oder lang, die Schneedecke zum Schmelzen und die Erdrinde zum Grünen.» (so wunderbar beschrieben in «Brauchtum der Schweiz» C.G. Weber)

Heilig waren ihnen diese Nächte, in denen man dem Tode näher als dem Leben war (kein Wunder, nicht selten waren ja die Wintervorräte um diese Zeit schon fast aufgebraucht, wenn schlechte Ernten vorangegangen sind und der Hungertod war keine Seltenheit).

Es existieren viele Sagen die davon erzählen, wie «sonderbar die übersinnliche mit der realen Welt sich mischte.» In diesen Tagen der Rauhnächte sei die Türe zwischen der unseren und der anderen Welt einen Spalt breit offen. Da wusste man ja nicht, was da Allerlei von der «anderen Seite» ins Diesseits kommen konnte, und man schaute, dass man es rechtzeitig schaffte, die Arbeiten im Freien bis zum Eindunkeln zu vollenden und rechtzeitig in die Behausung zurückzukehren. Diese wurde nach Möglichkeit nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr verlassen.

Gut möglich nämlich, dass ihnen draussen in der Winternacht zum Beispiel die furchteinflössende Perchta auf ihrem wilden Jagdzug begegnete:

«Ursprünglich, als da die Religion der Germanen noch in der Verehrung der segenbringenden und verheerenden Naturmächte bestand, war sie (Perchta, die Prächtige, Lichte) die segensspendende Wolke, des Sturmgottes Gemahlin. Später wurde sie zur Himmelskönigin, die neben der Herrschaft über Wolken und Wind auch die Macht besass, Sonnenschein und Gedeihen der Feldfrüchte zu gewähren, zugleich aber auch als mütterliche Schützerin des Frauenlebens weibliche Arbeit, namentlich das Spinnen, begünstigte und als Frau Holda oder Holle die Seelen aller ungeborenen oder verstorbenen Kinder hütete.

Zur Zeit der Wintersonnwende hielt sie – gleich Wodan, ihrem Gemahl – einen Umzug durch das Land, der anfangs als ein segenbringender gedacht wurde, sich in der Folge aber in eine wilde Jagd verwandelte. «*

In vielen Regionen wurde diese sagenumwobene Wintergöttin hauptsächlich im Alpenraum unter verschiedenen Namen zur Weihnachtszeit als wilde Wolkenjägerin dargestellt, wie sie durch die Lüfte jagt. Sie erscheint oft als stattliche Frau und Führerin eines mit kläffenden und heulenden Hunden bespannten Wagens auf einem wilden Jagdzug; Und es wurde erzählt: «Wenn ein Rad gebrochen sei, habe sie dem Zimmermann, der es wieder gemacht, die Späne geschenkt, welche sich Tags darauf in reines Gold verwandelt hätten.»*

Noch ein Wort zur Schreibweise der Rau(h)nächte:

«Beide Schreibweisen sind korrekt, aber «Raunächte» (ohne ‚h‘) ist die empfohlene Form nach der neuen deutschen Rechtschreibung; «Rauhnächte» (mit ‚h‘) wird aber weiterhin häufig genutzt und ist traditionell gebräuchlich, oft mit Bezug auf «rau» (kalt/wild) oder «Rauch» (Räuchern).»

(Ich persönlich pfeife auf die empfohlene Form der neuen deutschen Rechtschreibung und schreibe mit «h»)

Und ja: Auch bei mir wird natürlich geräuchert. Dazu dient mir stets ein altes Litermass von Grossvater, das wir einst zum Milchschöpfen benutzten. Ich kann es sehr gut halten, schwenken und damit von Raum zu Raum gehen.

Nun wünsche ich euch allen von ganzem Herzen noch einen schönen 4. Adventssonntag,

Gaby Kistler

* Aus «Aberglaube-Sitten-Feste Germanischer Völker» von Reinsberg-Düringsfeld (von 1898 / Nachdruck)

Ein Kommentar bei: “Wintersonnwende, Thomastag, Rauhnächte und die wilde Perchta

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