
Es sieht aus, wie aus einer anderen Welt und tatsächlich gehört das Salomonssiegel (Polygonatum) zu den sagenumwobensten heimischen Pflanzen.
Die bogigen, fast waagrechten Stängel, an dem weisse Blütenglöckchen aufgereiht sind, machen das auch als Weisswurz bekannte Gewächs unverwechselbar. Es gibt hierzulande zwei Arten, die man anhand weniger Merkmale gut voneinander unterscheiden kann. Ihrem Wurzelstock soll grosse Zauberkraft innewohnen.
All meine Bilder zeigen das bei uns häufig vorkommende Vielblütige Salomonssiegel (Polygonatum multiflorum). Es ist erkennbar daran, dass in den Blattachseln 3-5 wenig duftende Blüten hängen und der Stängel rund ist. Beim Echten Salomonssiegel (Wohlriechende Weisswurz/Polygonatum odoratum), das eher selten vorkommt, sind es lediglich 1-2 duftende Blüten pro Blattachsel und der Stängel – für mich das beste Unterscheidungsmerkmal – ist beim Echten Salomonssiegel kantig.
Mittlerweile werden die Weisswurzen nach der modernen botanischen Systematik (APG-System) nicht mehr den Liliengewächsen (Liliaceae), sondern den Spargelgewächsen (Asparagaceae) zugewiesen.


Den Namen hat die Pflanze dem für seine Weisheit bekannten König Salomo zu verdanken – «nach Darstellung der Bibel im 10. Jahrhundert v. Chr. Herrscher des vereinigten Königreichs Israel.» Ihm soll ein Siegelring gehört haben, der direkt aus dem Paradies entstamme und eine grosse Zauberkraft innewohne. Salomo soll diese dafür verwendet haben, Felsen zu sprengen, die den Bau seines berühmten Tempels in Jerusalem behinderten. Da wünschte sich wohl so mancher Tunnel- und Strassenbauer von heute, er verfügte ebenfalls über einen solchen felssprengenden Zauberring.
Und weshalb Salomonssiegel?Jedes Jahr bringt der Wurzelstock einen neuen Stängel hervor. Nach seinem Absterben im Herbst, hinterlässt er eine weitere rundliche, vertiefte Narbe. Diese siegelartigen Höhlungen verleihen dem Wurzelstock ein ganz eigenes, siegelähnliches Aussehen.
Auch der Gattungsname Polygonatum leitet sich vom Aussehen des Rhizoms (Wurzelstock) mit seinen zahlreichen, knotigen Verdickungen ab: Es setzt sich aus den griechischen Wörtern »polys« (viel) und »gony« (Knie, Knoten) zusammen. Der ebenfalls gebräuchliche Volksname »Weisswurz« nimmt Bezug auf die weissliche Farbe des Wurzelstocks.


Angeblich handelt es sich beim Salomonssiegel um die sagenumwobene »Springwurzel« mit derer Hilfe es möglich sein soll, sämtliche Türen und Schlösser öffnen zu können und sogar – wie König Salomo – Felsen zu sprengen.
Klar, dass ein solches Zaubermittel überaus begehrt war und deshalb gar nicht so einfach, in seinen Besitz zu gelangen: Man brauchte dazu die Hilfe eines Schwarzspechts. Diesem müsse man den Eingang zum Nest versperren, woraufhin der Specht die magische Wurzel hole, um sich wieder Zugang in seine Baumhöhle verschaffen zu können.
In dem Moment aber, wo der Specht den Eingang mit der Wurzel zu öffnen versuche, «müsse man ihn erschrecken, damit er die Wurzel fallenließe und man sich ihrer bemächtigen könne.» Angeblich sollen sich mit Hilfe der Springwurzel sogar mächtige, eiserne Tore öffnen lassen, hinter denen sich grosse Schätze verbergen. Oh wie ich solche Sagen liebe… da tauchen sogleich viele fantastische Bilder auf die einem – wenn auch nur für kurze Zeit -in eine verzauberte ferne Welt entführen.
Nachfolgend noch ein passendes Gedicht, das ich – wie auch einige weitere Informationen in diesem Beitrag – bei Gaissmeyer.de entdeckt habe:


«Der Schwarzspecht ist ein Kräutermann,
kennt manches Zauberkraut und Tann,
das im Verborgnen spriesset.
Er hält ob einer Wurzel Wacht,
die alle Schlösser springen macht
und jede Tür erschliesset.»
Rudolf Baumbach (1840-1905)
Bildquelle: zVg von Edi Angelelli
Ihr findet das Salomonssiegel (hier mit Besuch vom roten Lilienhähnchen) häufig in Böschungen und Laubmischwäldern. Obwohl die Pflanze von ausgesprochener Schönheit ist, mit seinen glockenähnlichen weissen Blüten, muss man sich doch bewusst sein, dass es sich hier um eine in vielen Teilen giftige Pflanze handelt: «Blätter sind schwach, die Beeren stark giftig und können bei Einnahme Erbrechen, Durchfall, Schwindel, Kopfschmerzen und Atemnot auslösen»*. Für die heilpflanzliche Verwendung kommt einzig und allein das Rhizom infrage.


Zu den erwähnten Beeren: Die seht ihr hier auf einem Bild von anfangs Oktober. Sie entwickeln sich aus den befruchteten Blüten. Während diese sich grosser Beliebtheit bei langrüsseligen Hummeln erfreuen, bedienen sich die Vögel gerne bei den blauen, attraktiven – für den Menschen giftigen – Beeren.
Die Blätter übrigens, die werden gerne vom Lilienhähnchen gefressen, ihr habt es auf einem Bild bereits entdecken können. Es schert sich keinen Deut um die neue Zuordnung zu den Spargelgewächsen und so besucht das Lilienhähnchen weiterhin ein Liliengewächs.
* Geissmeyer.de
Ein Kommentar bei: “Salomonssiegel – geheimnisvoll und sagenumwoben”