Roter Fingerhut – König der Waldlichtung

Kürzlich lernte ich in meiner Gemeinde eine Pflanze kennen, die dafür bekannt ist, durch Holz- oder Sturmwindschlag entstandene Lichtungen im Wald als erste wieder zu besiedeln: Der Rote Fingerhut (Digitalis purpurea).

Die Wildpflanze ist von grosser ökologischer Bedeutung, wenn es um ihre Funktion als Pionierpflanze geht. Der Rote Fingerhut bereitet als solche den Boden für nachfolgende Pflanzen vor, bewahrt brache Hanglagen mit ihren tiefen Wurzeln vor Erosionen und fördert die Biodiversität, indem er zahlreiche Insekten anzieht und in der Folge auch ihre Fressfeinde wie Vögel, Reptilien, Nagetiere und andere Insekten. Aber Achtung: Die Pflanze ist in allen Teilen sehr giftig.

Ganz ehrlich, als ich diese grosse Ansammlung von Fingerhüten, mitten im Wald auf einer Lichtung, das erste Mal entdeckt hatte, dachte ich, diese wunderschönen, auffälligen Pflanzen seien durch das Deponieren von Gartenabfällen auf diese Lichtung gelangt. Da ich den Roten Fingerhut noch nie ausserhalb von Gärten wahrgenommen habe, war ich schlicht nicht auf die Idee gekommen, dass es sich hier um eine Wildpflanze handelt. Erst meine Recherchen zeigten: Es IST eine Wildpflanze, eine von grossem ökologischen Nutzen. Ihr kommt unter anderem eine wichtige Funktion als Pionierpflanze vor:

Der Rote Fingerhut hat einen sehr positiven Einfluss auf sogenannte Kalamitätsflächen. Das sind Waldflächen, die durch Naturkatastrophen (wie Stürme oder Dürren) oder durch den Massenbefall von Schädlingen (wie dem Borkenkäfer) stark geschädigt oder vollständig zerstört wurde. Der Begriff leitet sich vom lateinischen Wort calamitas (Unglück, Schaden) ab.»

Pflanzenbiologisch korrekt ausgedrückt (Waldwissen.net): «Der Rote Fingerhut ist Teil der natürlichen Sukzession. Auf entwaldeten Flächen stellt sich spontan eine temporäre Vegetation ein. Die Gesellschaften der Kahlschläge sind sehr dynamisch und voneinander nicht immer gut zu trennen, da sie aufeinanderfolgende Stadien eines Wiederbewaldungsprozesses (Sekundärsukzession) darstellen. 

Zugeordnet wird der Rote Fingerhut den „Waldnahen Staudenfluren und Gebüschen“. Digitalis purpurea wird der Klasse der „Waldlichtungsfluren“ (Epilobietea), der Ordnung „Atropetalia (= Epilobietalia angusdtifolii)“ und dem Verband „Epilobium angustifolii“ zugeordnet. Dieser umfasst junge Schlagfluren (etwa 1–4 Jahre nach dem Schlag) auf kalkfreiem Untergrund. In Mitteleuropa ist der Rote Fingerhut eine Charakterart des Epilobio-Digitalietum purpureae aus dem Verband der Weidenröschen-Waldlichtungsfluren (Epilobion angustifolii).

Mit seinen tiefreichenden Pfahlwurzeln und dem Blattwerk, schützt die Pflanze den brachen Boden vor Austrocknung, während sie in Hanglagen die Erde befestigt und damit Erosionen vorbeugt. Zudem bindet die Pflanze freigesetzte Nährstoffe, die durch die Mineralisierung der Humusschicht freigesetzt worden sind. Dies wiederum bereitet den brachen Boden für nachfolgende Pflanzenarten vor.

Die abfallenden Blätter wirken sich zudem positiv auf das Wachstum anderer Pflanze aus, da sie in ihnen Kieselerde, Eisen, Kalzium und Kalium speichern. Das ist mit ein Grund, warum man die Blätter vom Fingerhut auch als gehaltvollen Gründünger verwenden kann.

Die Pflanze ist zweijährig, im ersten Jahr bildet sich lediglich eine Blattrosette, erst im Folgejahr gelangt der Rote Fingerhut zur Blüte. In diesen Blattrosetten bietet sich – genauso wie in den Blütenständen – den Insekten ein besonders geeignetes Mikroklima an.

Während Spinnen die Blattrosetten als Ausgangspunkt für das Weben ihrer Netze benutzen, finden andere Insekten wie Käfer, Schutz in den Blattachseln. Davon profitieren indirekt ihre Fressfeinde, zum Beispiel Vögel, Nagetiere oder Reptilien, die sich wiederum von den Insekten/Larven/Raupen ernähren.

In die Blüten können wegen der senkrecht hochstehenden Sperrhaare nur langrüsselige Hummelarten eindringen: Bombus pascuorum), Gartenhummel (Bombus hortorum), Dunkle Erdhummel (Bombus terrestris), Feldhummel (Bombus ruderatus), Große Wollbiene, Anthidium manicatum) und die Spargel-Schmalbiene (Lasioglossum sexnotatum) (Aufzählung aus waldnet.)

Was den Menschen betrifft, so sei dieser auffallenden Pflanze weder im Mittelalter noch im Altertum große Bedeutung beigemessen worden. Einzig und allein erwähnte eine Rezeptsammlung aus dem 12. oder 12. Jahrhundert in walisischer Sprache eine äusserliche Anwendung der Blätter. Dass der Rote Fingerhut in keinem Heilpflanzenbuch vorkommt hat seinen Grund: Er ist in allen Teilen sehr giftig!

Wohl aufgrund seiner stattlichen Grösse und auffallenden Schönheit, hat man den Rote Fingerhut seit dem 16. Jahrhundert als Zierpflanze in Parks und Gärten geholt.

Ob das hübsche Wegerichgewächs nun indigen oder bei uns nicht heimisch ist, dazu finden sich viele widersprüchliche Angaben: Infoflora bezeichnet den Roten Fingerhut als «Neophyt: nach der Entdeckung von Amerika in der Region aufgetreten (nach 1500)» während es bei naturadab.de heisst: «Einheimische Giftpflanze aus der Familie der Wegerichgewächse»

Ist mir egal, es handelt sich hier um eine ökologisch sehr wertvolle Pflanze, auch für die heimische Flora und Fauna. Das ist was für mich zählt. – Übrigens: Menschen vom «Fahrenden Volk» sagen, es «sei ein sicheres Zeichen für das Vorüberschweben einer Fee, wenn ein Fingerhut sein Köpfchen Hängen lasse.»

Na da schau ich dann nächstes Mal noch genauer hin, wenn mein Weg mich wieder an dieser märchenhaft schön anmutenden Waldlichtung vorbeiführt.

Benutzte Quellen: Waldwissen.net, Infoflora, Wikipedia, «Pflanzen-Geheimnisse» von Willy Schrödter

Ein Kommentar bei: “Roter Fingerhut – König der Waldlichtung

  1. Danke! DAS wusste ich auch nicht! nun freue ich mich doppelt, dass bei uns im Garten eine solche Pflanze ohne unser Zutun einfach erschienen ist.

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