Resilienz in der Natur, beim Menschen

Wie beeindruckte mich doch diese junge Eibe, wie sie einst niedergedrückt und gekappt worden ist und daraufhin einfach mit neuen senkrechten Trieben reagiert hat.

Es gibt immer wieder Beispiele, wo die Natur uns zeigt, wie zäh, wie unglaublich widerstands- und anpassungsfähig sie doch ist. Beim Menschen spricht man dabei heute von Resilienz. In den Weihnachtstagen durfte ich gleich zwei Filme sehen, die diese auf so volltreffliche, wunderbare Weise gezeigt hatten.

Es waren die Filme «Ein ganzes Leben» (ORF2, 25.12.) und «Train Dreams» (Netflix), deren Buchautoren beide jeweils ein ganzes, von harten Schicksalsschlägen gebeuteltes Leben zwischen zwei Buchdeckel gepackt hatten. Wahrlich eine grosse Herausforderung, die jedoch in beiden Fällen brillant von den Filmemachern gemeistert worden ist.

Solche Filme sind für mich kein filmisches «Fastfood», wie ich zu sagen zu pflege, sondern eine reichhaltige Nahrung für Seele und Geist, von der man noch lange zehrt; allein für sich, oder wie bei uns im Haus, in Gesprächen mit anderen, die sie ebenfalls gesehen haben.

Filme, respektive Bücher mit Geschichten wie diesen, werfen Fragen auf, sind Kost, die verdaut werden will. So diskutierten wir heute sehr intensiv die Frage, warum die beiden Hauptfiguren in den beiden erwähnten Geschichten, am Ende ihres, von so viel Schmerz und Schicksalsschlägen geprägtem Leben, trotz allem letztlich in der Lage sind, auf dieses versöhnlich zurückzublicken. Warum sie es schafften zu überleben, nicht daran zerbrochen sind, ihren Schmerz beispielsweise nicht in Alkohol versuchten zu ertränken. Ja: Warum zerbrechen die einen am Leben und andere nicht?

Man wäre geneigt zu sagen, diese Resilienz wird in Kindertagen gebildet, aber just in diesen beiden Biographien bot die Kindheit alles andere als einen nährstoffreichen, guten Boden – im Vergleich mit der Natur – welcher der Grundstein dafür hätte gewesen sein können. Im Gegenteil. Trotzdem waren diese Menschen zäh, so unglaublich zäh, wie die Arven im Gebirge, die immer wieder Schnee- und Gerölllawinen über sich ergehen lassen und sich ihre Nahrung im felsigen Untergrund mühsam suchen müssen. Diese Bäume sind geübt darin, genügsam zu sein, mit wenig auszukommen. Sich immer wieder in neuen Situationen zurechtzufinden, anzupassen, neu auszutreiben.

Doch genau so wie die Baumarten unterschiedlich beschaffen sind, verschiedene Ansprüche stellen, anders mit Krisen in ihrem Baumleben umzugehen vermögen, ist es bei uns Menschen. Wenn ich auf mein Leben zurückblicke sah ich, wie Menschen mit fast identischem, tragischem Hintergrund in der Kindheit und Jugendzeit, sich später trotzdem sehr unterschiedlich entwickelten. Die einen sind daran zerbrochen (Selbstmord, Drogen/Alkoholmissbrauch), die anderen schafften es.

Das zeigt mir immer wieder von Neuem: Wir Menschen sind alle von unterschiedlichem Holz beschaffen.

Da gibt es zum Beispiel das Holz der Linde, wunderbar weich und daher gut zum Bearbeiten, aber für den Baum selber gereichen seine Holzeigenschaften nicht wirklich zum Vorteil: Das Lindenholz «ist anfällig für Feuchtigkeit, Pilzbefall und Insekten, da es wenig witterungsbeständig ist und einen hohen Zuckeranteil hat; es ist weich und empfindlich gegen Kratzer und Stösse«. Wenn ich da an das Holz der Hainbuche denke, das als die härteste und widerstandsfähigste heimische Holzart gilt, aufgrund ihrer extremen Dichte sogar als «Eisenholz».

Ja, wir Menschen sind alle aus unterschiedlichem Holz geschnitzt, aber: Auch eine Linde kann – jetzt menschlich gesehen – in Bezug auf ihre Holzeigenschaften, durch die zuweilen unerbittliche, brutale Lehre des Lebens zur Hainbuche werden. Und das, ohne am Ende dabei der Bitterkeit zu verfallen.

Schicksale sind immer auch eine Chance im Leben, doch im Moment des Schmerzes, erkennen wir sie nicht als solche, oft erst Jahr später. DAS, hat mich mein Leben gelehrt.

Im Alter ist man irgendwann vielleicht ein hartes Stück Schwemmholz im Gebirgsbach, das Jahrzehnte von der Kraft eisig kalten Wassers geformt worden ist, so hart, dass man nicht mal in der Lage ist, einen Nagel hineinzutreiben. Einfach unerschütterlich.

Zum Schluss noch ein Blick auf diesen uralten Zwetschgenbaum in unserer Gemeinde. Er ist für mich ein sehr gutes Sinnbild für Widerstandsfähigkeit und Zähigkeit: Trotz aller Widrigkeiten trägt er noch jedes Jahr reichlich Früchte.

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