
Mit den ersten warmen Frühlingstagen erscheinen stets auch die ersten Löwenzahnblüten. Manchmal sitzen diese auf auffällig verbreiterten, etwas verdrehten, flachen Stängeln, die an ein Band erinnern. Bei dieser Wuchsanomalie handelt es sich um eine sogenannte Verbänderung (Fasziation), die man nicht nur bei Löwenzahn, sondern auch bei einigen anderen Pflanzen beobachten kann.
Ursache: Wenn bei der Teilung der Scheitelzellen eines Sprosses in zwei Gabelsprosse, diese Teilung unvollständig bleibt, verbreitert sich «der ansonsten punktförmige Vegetationskegel an der Sprossspitze in linearer Form.» In der Folge ist das hierdurch vorgehende Gewebe nicht mehr zylindrisch, sondern kamm- und bandförmig verbreitert. Als Folge davon entstehen Spannungen im Gewebe und ebenfalls sichtbare Verdrehungen der betroffenen Gewebeteile. Sie treten in fast allen Pflanzenteilen auf: Stängeln, Sprossachsen, Blütenstände, Früchte, Blüte oder Wurzeln.


Auf diesem Bild seht ihr eine «Zwillingsblüte», die auf einem bandförmig verbreiterten Löwenzahnstiel sitzt.
Auslöser einer Verbänderung können Bakterien oder Viren, Pilzinfektionen, Chemikalien oder auch Pilzinfektionen sein. Diese Wuchsanomalien treten an verschiedenen Pflanzen auf, nicht nur am Löwenzahn: Sonnenblumen, Primeln, Forsythie, Gilbweidereich (Lysimachia punctata), Nachtkerze (Oenothera spec.), Schlüsselblume (Primula veris) oder Wiesenpippau (Crepis biennis). Sie alle weisen gelegentlich solche Verbänderungen auf.
Diese eigenartigen Anomalien sind oft sogar erwünscht und werden bewusst weitervermehrt. Als ein Beispiel nenne ich die Japanische Drachenweide (Salix sachalinensis ‚Sekka‘) von der ein Exemplar bei meiner Nachbarin im Garten steht (Bild).
Betroffene Triebe werden von Gärtnern vegetativ vermehrt, um so dieses ganz spezielle Erscheinungsbild zu nutzen. So verhält es sich auch bei der Monster-Kastanie (Aesculus hippocastanum ‘Monstrosa’), die ebenfalls durch eigenartig verformte Triebe auffällt.


Habt ihr gewusst, dass es viele ähnlich aussende Löwenzahn- (Taraxacum-)Arten gibt? Im 1700 Seiten starken Botanikwälzer «Flora Helvetica» werden ganze 12 (!)Taraxacum-Arten (Löwenzahn) vorgestellt. Innerhalb der Familie der Korbblütler gebe es weltweit sogar 2.309 anerkannte Taraxacum-Arten (nach Angaben des Cataloque of Life).
Nun, bei dem hier abgebildeten Löwenzahn («Söiblueme«, Pusteblume, «Schwiiblueme«, Milch-, Kuh- oder Butterblume) bin ich mir ziemlich sicher, dass es sich um den Gewöhnlichen Löwenzahn handelt: Taraxacum officinale.
Bleibt mir noch, euch einen guten Start in die neue Woche zu wünschen; wer weiss, vielleicht entdeckt ihr in nächster Zeit mal einen solchen seltsamen, bandartigen, flachen und leicht verdrehten Löwenzahnstängel,
Gaby Kistler



