Holunder: In allen Teilen segensvoll

Wie riesige weisse Blumensträusse stehen die blühenden Holunderbüsche da und schmücken mit Garantie jedes alte Bauernhaus, jede Scheune, an irgendeiner Ecke.

Es heisst, der Schlaf im Schatten eines Holunders wirke so erfrischend, wie ein segenbringender Schauer in der Schwüle eines Sommertages.

Eine alte Volksweisheit besagt: «Rinde, Beere, Blatt und Blüte, Jeder Teil ist Kraft und Güte, Jeder segensvoll

Letzte Woche fotografierte ich diesen wunderschönen, blühenden Holunderstrauch. Wie ein riesiger Blumenstrauss steht er da, an dieser Scheune und verströmt mit seinen cremeweissen Blüten einen einmalig feinen Duft.

Manchmal kann sich der Schwarze Holunder (Sambucus nigra) nicht entscheiden, ob er jetzt ein Strauch oder doch lieber ein Bäumchen sein will. Tatsächlich kann der Holunder, wenn er sich – wie auf diesem Bild – an eine Scheunenwand anschmiegen kann, oder auch als freistehender, einzelner Schutzbaum eines Gehöfts, bis zu elf Meter hoch werden!

Bin zwar nicht gut im Schätzen, aber ich würde mal sagen, dass dieser uralte Holunderbaum locker elf Höhenmeter erreicht hat. Bis an den Dachfirst reicht seine Spitze. Bin froh, machte ich dieses Bild vor ein paar Jahren, heuer sieht er gar nicht gesund aus, und ich weiss nicht, wie lange er noch leben wird. Es heisst, der Schwarze Holunder könne bis zu 100 Jahre alt werden, nun, dieses Alter hat dieser hier mit Sicherheit erreicht. Ich habe ja schon als Kind in den frühen Sechziger Jahren viel Zeit auf diesem benachbarten Hof verbracht. Schon damals hatte er eine beeindruckende Grösse erreicht. Mittlerweile weist sein Stamm einen Umfang von gut 70 Zentimetern auf.

Wohl an die Hundert winzige, rahmweisse Blütensternchen sitzen an den bis zu 30 Zentimeter breiten Blütenrispen und verströmen einen unglaublich feinen Duft.

Die Nachbarsbäuerin, in deren Küche ich meine halbe Kindheit verbracht habe – wie auch in deren Stall – wusste viel anzufangen mit den Holunderblüten, zum Beispiel buk sie «Holderchüechli» («Hollerküchle»). Dabei wird die Blütendolde in Teig getaucht und in Fett ausgebacken. Hier findet ihr ein Rezept dazu: https://natur-tagebuch.ch/rezept-fuer-holunderblueten-kuechlein/

Und natürlich durfte auch der Holunderblütensirup nicht fehlen. Obwohl, damals sei er den Kindern hauptsächlich zur Stärkung der Abwehrkräfte schmackhaft gemacht worden. Vom heutigen Trendgetränk «Hugo» (Prosecco mit Zusatz von Holunderblütensirup) wusste man in meiner Kindheit noch nichts.

Ehrlich, ich mag ihn nicht, da ich ganz allgemein keine gesüssten Getränke mag, trotzdem habe ich für euch mal ein Siruprezept ausprobiert, ihr findet es hier: https://natur-tagebuch.ch/zeit-fuer-holunderbluetensirup/ Wie immer mit einer Schritt-für-Schritt-Bildanleitung.

Ich verwende die Blüten zwar nicht für die Herstellung eines Sirups, wohl aber trockne ich die Blüten für die Verwendung als Tee. Dieser kommt dann vor allem im Winter als schweisstreibendes Mittel bei fiebrigen Erkältungen oder beim Dampfinhalieren zum Zug, ergänzt mit anderen Heilpflanzen.

Das meiste, was man über den Schwarzen Holunder lesen kann, dürfte wohl vielen von euch bereits bekannt sein. Was man vielleicht aber weniger weiss, ist die Tatsache, dass der Holler als kräftigstes Färbemittel in der Natur gilt. Sogar die Rinde wurde zum Färben von Textilien verwendet. Deren mit Essig zugesetzter Absud färbte sie schwarz. Ebenso wurde die starke Färbekraft der reifen Beeren genutzt, ihre «Schalen enthalten bis zu 60 Prozent des natürlichen dunkelvioletten Farbstoffes Sambucyanin

Ob ich vielleicht damit auch mal meine inzwischen ziemlich grau gewordenen Haare färben soll? So, wie es angeblich bereits die Frauen der wohlhabenden römischen Aristokratie gemacht hatten? Die sollen damit nämlich nicht nur Textilien, sondern auch ihre Haare gefärbt haben. Kann mir gut vorstellen, dass das sicher eine schöne Farbe geben würde, mit dem dunklen, samtroten Beerensaft.

Wegen seiner grossen mythischen Bedeutung, war es übrigens «über Jahrhunderte hinweg streng untersagt, einen Holunder zu roden oder auch nur zu beschädigen, denn er war den Menschen heilig.» Auch in meiner Kindheit hiess es: Ja nie den Holunder im Garten fällen, denn in ihm wohne der gute Hausgeist.

Aber warum diese grosse Ehrerbietung gegenüber dem Holunder? Dazu muss man die Namensherkunft genauer betrachten: Mancherorts wird der Holunder als «Holler» bezeichnet, und in Österreich, wie auch «im gesamten süddeutschen Raum, opferten unsere Ahnen unter dem Bäumchen einer urtümlichen, lichtbringenden Muttergottheit, die (leider) später zur Frau Holle verballhornt wurde.» Diese lichtvolle, segensbringende Göttin lebte im Baum und wehrte alles Übel in Form von schlechten Menschen, Geistern, Dämonen oder Krankheiten, vom Hof ab. Daher galt der Holunder schon immer als wichtiger, ja heiliger Schutzbaum eines Gehöfts, der Tier und Mensch vor jeglichem Schaden zu bewahren vermochte.

Kommt hinzu, dass der Holunder einer solchen holden Beschützerin alle Ehre machte, indem er als Hausapotheke jedes Bauern, jeder Bäuerin, diente. Neben der Linde gehört er nämlich zu den einzigen Pflanzen, «von denen jeder einzelne Teil zu Heilzwecken genutzt werden kann. Rinde, Beere, Blatt und Blüte, Jeder Teil ist Kraft und Güte, Jeder segensvoll», so bringt es eine alte Volksweisheit auf den Punkt. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass es sogar einst hiess: «Begegnest du einem Holunder, so ziehe den Hut vor ihm!» Der Respekt, die Achtung vor diesem Baum und seinen vielfältigen Fähigkeiten, dem Menschen zu dienen, war gross.

Dass der Holunder zu den vielfältigsten Heil- und Schutzpflanzen überhaupt gehört, das wussten bereits die Germanen und Kelten, wo doch auch ihre Verehrung gegenüber dem Baum gross war. So hätten germanische Stämme ihre Toten unter einem Holunder bestattet. Sein Holz galt als «wirkmächtige Waffe gegen böse Zauber und vertrieb üble Dämonen».

Aus Sicht der alten Volksmedizin galt der Holunder zudem als einer der besten Bäume respektive Busch, die dazu geeignet waren, auf sie übertragene Krankheiten und sonstiges Übel aufzunehmen. Dieses geschah unter ganz bestimmten Ritualen (unter anderem dem Aufsagen von Sprüchen).

Auf diesem Bild hier seht ihr unseren Holunder, er steht hinter dem Gartenschuppen und lebt noch immer, obwohl er seit vielen Jahren an seinem alten Holz von Judasohren besiedelt wird. Diese ernähren sich von ihm und können dabei die Weissfäule auslösen, ein Pilz der das Holunderholz zersetzt. Na ja, er sieht auch dieses Jahr noch trotz der Judasohren sehr gesund aus und blüht wieder wunderschön.

Nun wünsche ich euch allen von Herzen noch einen schönen Pfingstmontag. Vielleicht habt ihr ja Lust, mal ein Holunderblütenrezept in nächster Zeit auszuprobieren.

Benutzte Quellen: «Bäume – Über die Wurzeln einer tiefen Verbindung» von Hase/Amber und «Mythos Baum» von Doris Laudert

Ein Kommentar bei: “Holunder: In allen Teilen segensvoll

  1. Hallo
    Ich bin per Zufall auf ihr Natur Tagebuch gestossen, einfach grossartig! Vielen lieben Dank!
    Ich werde rege dabei sein!
    Liebste Grüsse
    Sabine

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