Die Mistel – geschätzt und gefürchtet

In der Schweiz zählen alle vorkommenden Misteln zur selben Art, zur weissbeerigen Mistel Viscum album.

Unterschieden werden drei Unterarten und zwar nach dem Wirtsbaum, auf dem sie leben: Tannenmistel, Föhrenmistel und Laubholzmistel, wobei letztere in der Volksmedizin von einigen Heilpflanzenkundigen nochmals unterteilt wird, nach Wirtsbaum/Verwendung.

Im Streuobstgarten ist die Mistel nicht gerne gesehen, das hat seinen Grund.

Obwohl sie sich eigentlich auf 40 Gehölzarten entwickeln kann, bevorzugt die Mistel Laubholzarten wie Linde oder Pappel, also Weichholzarten. In den Ebenen, wo viele Pappeln einst als «Windbrecher» gepflanzt worden sind, kommen sie jetzt nach dem Laubabfall wieder zum Vorschein. Genauso auf so mancher Linde.

Bei den Obstgehölzen wird vor allem der Apfelbaum besiedelt, seltener die Birne und andere Obstarten.

Dieses Bild wird kaum einem Obstbauern gefallen: Ein Apfelbaum, über und über mit Misteln bewachsen. Seine Überlebenschancen stehen bei einem so starken Befall bei Null. Man kann ihn später stehen lassen, als wertvolles Totholz für die heimische Tierwelt.

Früher – und noch heute auf einigen Seiten – wurde die Mistel lediglich als Halbschmarotzer eingestuft. Da sie Photosynthese betreibt, wurde vermutet, dass die Mistel der Wirtspflanze nur Mineralstoffe und Wasser entzieht. Aber: «Heute gilt sie eindeutig als Parasit, weil sie auch Senker ins Phloem des Leitbündels treibt und dort Assimilate wie Kohlenhydrate und Aminosäuren entnimmt.»*

Zur «Ehrrettung» der Mistel muss aber auch erwähnt werden, dass die Schmarotzerin mit grossem Erfolg in der Komplementärmedizin (Misteltherapie) begleitend zur Krebsbehandlung (Chemotherapie) eingesetzt wird.

Einige alte, erfahrene Kräuterkundige sind überzeugt, dass bei einer medizinischen Verwendung die Wahl des Wirtsbaumes ebenfalls eine Rolle spielt. So erzählt der Rudl in «Die sanfte Medizin der Bäume» (Moser/Thoma**): «Über die Mistel kannst du genau die Kraft des jeweiligen Baumes bekommen. Es ist daher ganz entscheidend, welche Mistel von welchem Baum du verwendest.» Wobei er insbesondere auch auf die heilende Kraft der Apfelbaummistel hinweist.

Am Anfang jeder Mistel steht der grüne Samen einer Mistelbeere. Dieser gelangt beispielsweise unverdaut durch den Vogelkot auf Wirtsbäume. Aber auch wenn Misteldrosseln, Mönchsgrasmücken und andere Vogelarten, die Mistelbeeren fressen, die schleimige Beerenmasse an den Schnäbeln auf Ästen abstreifen, gelangen Samen auf die Wirtsbäume und keimen mit der Zeit irgendwann. Die Zeit der ersten Entwicklungsphase dauert recht lange.

Treibt der Same irgendwann aus und kommt als Keimling mit dem Wirtsgewebe in Kontakt, bildet er zunächst mal eine Haftscheibe und «bohrt» sich mittels einer Art Saugfortsatz durch die Rinde. Von Beginn an betreibt der Keimling Photosynthese, was es ihm ermöglicht, auch eine längere Zeit ohne Versorgung durch den Baum zu überleben. Haben die Mistelwürzelchen die Leitungsbahnen der Wirtspflanze erreicht, entwickelt sich die Mistel weiter.

Auf diesem Bild seht ihr eine Tannenmistel, diese Unterart wächst lediglich auf Weisstannen (Abies alba).

Misteln wachsen sehr langsam und da sich jedes Sprossglied jährlich einmal gabelig verzweigt, könnt ihr anhand dieser Gabelungen das Alter ablesen. Auf dem Bild seht ihr ein Beispiel, es zeigt eine etwa 5-6 jährige Mistel. Erst nach etwa sechs bis sieben Jahren beginnen die immergrünen Kugeln zu fruchten.

Es kommt übrigens auch vor, dass gesunde Bäume mit starkem Dickenwachstum die primäre Senkwurzel einer Mistel einfach überwallen und damit zum Absterben bringen. Insbesondere von Birnbäumen heisst es, dass sie eine besonders heftige Abwehrreaktion entwickelt haben.

Nochmals ein paar Worte zu den drei gängigsten Unterarten von Misteln (Viscum album): Da wäre, wie hier auf einer Linde abgebildet, die LAUBHOLZMISTEL. Sie besiedelt weit über 10 Laubholzarten, wobei die Eiche sehr selten und die Buche nie besiedelt wird. Das erstaunt nicht wirklich bei diesen harten Hölzern, die Mistel wächst ja vorzugsweise auf Weichholzarten.

Dann gibt es noch die FÖHRENMISTEL (KIEFER). Sie gedeiht auf Waldföhre, Schwarzföhre, aufrechte Bergföhre, sehr selten an Fichte). Und last but not least die bereits erwähnte TANNENMISTEL die nur auf der Weisstanne wächst.

Die für uns Menschen giftigen Mistelbeeren bekommen auch so manchem tierischen Schlemmermaul nicht immer und man findet ab Beginn der Beerenreife (ca. November) am Boden zuweilen hochgewürgte Überreste. Gut sichtbar sind dabei neben der weissen Beerenhülle auch unverdaute grüne Samen.

Nicht nur Vögel mögen Mistelbeeren, auch Baummarder bedienen sich ihrer und wenn sie zu Boden gefallen sind, finden sie noch andere Abnehmer wie Dachse oder Füchse. Insbesondere Jungtiere wissen manchmal noch nicht, was und wieviel ihnen bekommt, was in der Folge irgendwann einen Würgreflex auslöst.

Falls ihr für eure Adventsdekoration auf der Suche nach Misteln seid, empfehle ich euch, frische Holzschlagplätze aufzusuchen. Da finden sich oft schöne Exemplare auf am Boden liegenden, gefällten Bäumen. Man muss sich aber schon beeilen, denn wie man auf dem Bild sehen kann, mag das Wild die Mistelbeerenblätter und bald schon ist nicht mehr viel davon übrig.

Alte Volksnamen für die Mistel sind unter anderem Drudenfuss, Heiligkreuzholz, Donnerbesen, Albranken oder Hexenbesen und sie erinnern daran, dass es sich hier einst auch um eine geheimnisumwitterte Pflanze gehandelt hat.

Mit goldenen Messern und Hippen seien die heiligen Pflanzen einst von keltischen Priestern unter feierlichen Zeremonien von den Bäumen (insbesondere Eichen) geschnitten worden.

In allen alten Kräuterheilkundebüchern von Kräuterkundigen wie Maria Treben oder Pfarrer Johann Künzle, wird die Mistel als Heilpflanze gelobt. Aber auch in der heutigen, modernen Heilpflanzenliteratur findet sich die Mistel, so zum Beispiel im bereits erwähnten Buch von Moser/Thoma. Dieses enthält auch eine ausführliche Anleitung für die Verwendung der Mistel.

Da in meiner Gemeinde viele Misteln wachsen, kann ich ihre Entwicklung Jahr für Jahr beobachten, solche die bodennah wachsen, sogar aus nächster Nähe. Was mich dabei am meisten erstaunte, war, wie lange Mistelbeeren am Busch verbleiben können, nämlich entgegen der geläufigen Angaben (bis März). So beobachtete ich eine Tannenmistel, auf welcher ich noch letzte Beeren im Juni fotografieren konnte (dieses Bild entstand am 15. Juni!).

So viel für heute zur Mistel, einem wahrlich zauberhaften Gewächs, das zwischen Himmel und Erde wächst. – Es folgen noch viele weitere Mistel-Bilder und danach noch die Angabe zu den benutzten Quellen für den heutigen Beitrag.

Benutzte Quellen: * Ruedi Baeschlin, dipl. Ingenieur Agronom (ETH Zürich) in einem Artikel im «Pflanzenfreund», ** Maximilian Moser/Erwin Thoma «Die sanfte Medizin der Bäume», sowie waldwissen.net Biologie der Mistel

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