Das magische Karfreitags-Ei – Brauchtum und Aberglaube

Interessantes aus dem Buch «Brauchtum in der Schweiz» von Conrad G. Weber, über einen Karfreitagsbrauch, der vielerorts noch lebendig ist:

Dem am Karfreitag gelegten Hühnerei – welches übrigens nicht verwesen könne – wohnen besondere Kräfte inne.

So verfüge das am Karfreitag gelegte Hühnerei die Macht, böse Geister zu vertreiben. Damit es das Haus auch vor Blitzschlag und Feuergefahr bewahren könne, müsse es am richtigen Ort aufbewahrt werden, zum Beispiel beim Herd oder unter der Türschwelle. Als ich noch Kind war (anfangs 60-er Jahre) beobachtete ich, wie die alte Nachbarsbäuerin ein Karfreitagsei jeweils auf den Dachboden unter das Gebälk legte, damit das Haus vor Blitzschlag bewahrt werden möge. Das Ei wurde jedes Jahr an Karfreitag durch ein neues ersetzt.

Gemäss Conrad G. Weber, dem Autor des genannten Buches, handelt es sich hier um «altgermanische Vorstellungen», genauso wie die, dass wenn man einer gefährlich geblähten Kuh ein Karfreitagsei zu fressen gebe, dies den Tod abzuwenden vermöge. Zu diesem Zweck wurden dann wohl mehrere Karfreitagseier aufbewahrt, für die Verwendung während des Jahres.

Manche mögen sich jeweils ab solchen Beiträgen ärgern, diesem «Heidnischen Zeugs» oder «Esoterik-Quatsch». Mich haben solche Sitten und Gebräuche unserer Altvorderen im Jahreskreislauf – oft verbunden mit Naturereignissen – schon immer interessiert, oft auch amüsiert.

Ich bin mir jedoch stets bewusst, in welcher Zeit und dem damit verbundenen Kontext, solche Bräuche entstanden sind und ausgeübt wurden. Da gab es (Tier-)Ärzte nur in sehr weiter Entfernung – wenn überhaupt – und bis die vor Ort waren, mit dem Pferd oder zu Fuss, war es meist zu spät. Man denke nur an die damals noch sehr schneereichen Winter. Es gab auch keinen Notruf und keine Rettungssanität, oder Apotheken ums Eck. Auch war die Feuerwehr vor Hundert Jahren noch nicht die, wie wir sie heute haben, vor allem nicht im hintersten Bergtal. Wenn es da mal gebrannt hat, ja dann wars das. Da gab es auch keine Versicherung, nix. Kein Wunder, halten sich diese alten Bräuche vor allem in den entlegenen Bergtälern und auf den Alpen bis heute.

Da musste man dann halt auf die Kraft unserer zahlreichen wunderbaren Heilpflanzen zurückgreifen, das Wissen um sie rettete so manches Leben. Aber was gegen die Elemente der Natur machen, gegen die Lawinen, Bergstürze, die Kraft des Wassers und des Feuers, gegen Hagelschlag, der (über-)lebenswichtige Ernten zerstören konnte? Da vertraute man auf den festen unerschütterlichen Glauben, wobei der wohl oft fliessend vom Glauben in den Aberglauben übergegangen ist.

Aber was ist Aberglauben? Kurt Lettner, Ethnologe und Kunsthistoriker aus dem Mühlviertel, hat es sehr treffend erklärt:

„Aberglaube kommt aus einer Urangst vor etwas Dämonischem oder Bedrohlichem.“ Wenn diese Angst an etwas festgemacht wird, wird auch ein Teil des Schreckens genommen. Es hilft im Alltag, seine Ängste und Sorgen an ein Symbol zu knüpfen, das macht das Unglück verständlich und vor allem erklärbar.

Nun wünsche ich euch einen schönen Karfreitag und wer weiss, vielleicht macht ja jemand von euch doch noch den Gang ins Hühnerhaus und bewahrt sich ein heute gelegtes Ei auf….

Herzlich, eure Gaby Kistler

P.S. Noch ein lieber Dank an dieser Stelle an meine kreative Freundin Renate, die mir dieses hübsche Osternestchen geschenkt hat.

  1. Sehr schön notiert, Frau Kistler!
    An die Eier auf den Dachbalken im Bauernhaus erinnere ich mich gut – und wie mich die Erzählung unserer Grossmutter über die gewünschte Schutzwirkung faszinierte. Speziell natürlich, dass die Karfreitagseier nicht verwesen sollten. – Ich habe es nie nachgeprüft…
    Danke für Ihre immer wieder spannenden Zeilen. Ganz schöne Ostertage!

  2. Liebe Frau Kistler, danke für diese schöne Geschichte!
    Ich bin eher der Meinung, dass wir (zumindest hier in Deutschland) viel zu wenige alte Gebräuche und Traditionen kennen. Die meisten Länder und Völker haben und leben noch heute ihre alten Sitten. In Island z. B beeinflusst der Glaube an Elfen und Trolle heute noch das alltägliche Leben. Da kann man sich drüber lustig machen, aber ich stimme den Worten von Kurt Lettner zu. Und ich denke, es könnte uns, ach so modernen Ländern, nicht schaden, ein bisschen mehr mit unseren alten Gebräuchen verwurzelt zu sein.
    Ich wünsche Ihnen noch ein schönes Osterfest.

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