Buchenblüte und das interessante «Oskar-Syndrom»

Es ist Mitte April und die Buchen blühen, männliche und weibliche Blüten befinden sich auf demselben Baum, denn er ist einhäusig.

Am Boden bildet sich derweil aus Tausenden von Sämlingen ein riesiger Buchen-Kindergarten. Beim Grosswerden spielt ein interessantes Phänomen ein entscheidende Rolle: das «Oskar-Syndrom».

Was ihr hier unschwer erkennen könnt, sind männliche Buchen-Blüten, die in langstieligen, flauschigen Büscheln von den Zweigen herabhängen. Was Allergiker weniger freut: Rund 12’000 Pollen schickt eine einzige männliche Blüte mithilfe des Windes auf die Reise! In Jahren mit einer hohen Pollenproduktion sind sie in der Lage, Autos und Strassen, ja ganze Siedlungen, so aussehen zu lassen, als wären sie mit hellgelbem Mehl bepudert.

Die weiblichen Blüten sind – wie so oft in der Natur – sehr unscheinbar: Sie stehen in den Blattansätzen und erinnern an kleine, runde Knubbel. Nach der Befruchtung verholzen sie zu stacheligen «Schalen» die in ihrem Innern ölige Fruchtkörper beherbergen (Bucheckern).

In der Galerie seht ihr ein Bild das zeigt, wie der Waldboden im Spätherbst ein einziger, riesiger Teppich von Bucheckern ist. Aus ihnen erwachsen etwa zur gleichen Zeit wie der Blüte des Baumes, Abertausende von Buchenkeimlinge (Bild). Sie sind eine Delikatesse, nicht nur für das Wild, sondern auch für den Menschen. Wer sich dafür interessiert findet hier dazu einen Beitrag: https://natur-tagebuch.ch/invasion-der-buchenkeimlinge/#more-2804

Aus den Buchenkeimlingen erwächst schon bald ein grosser Buchen-Kindergarten mit Tausenden von Jungbäumchen. Am Ende aber werden es vielleicht ein oder zwei sein, die dereinst die Chance haben, zu einer mächtigen Buche heranzuwachsen. Buchen können bis zu 40 Meter hoch werden und ein stolzes Alter von 250 – 300 Jahren erreichen. Bei der heimischen Rotbuche (Fagus sylvatica) deutet das «Rot» im Namen übrigens auf die Farbe des frisch geschlagenen Holzes hin.

Damit die Jungbuchen irgendwann einmal genügend lebensnotwendiges Sonnenlicht und Platz zur vollen Entwicklung bekommen, bedienen sie sich einer schlauen Strategie. Sie wird als «Oskar-Syndrom» bezeichnet:

Da den jungen Buchen unter den grossen, «erwachsenen» Bäumen das Licht fehlt, stellen sie ihr Wachstum ungefähr ab etwa zwei Metern Höhe ein. Dieses Verharren im Wachstum bezeichnet man als «Oskar-Syndrom», es kann sich über viele Jahre hinwegziehen. So lange, bis einer der lichtraubenden Umgebungsbäume, welcher ihnen wortwörtlich vor der Sonne steht, durch Sturm oder Menschenhand gefällt wird.

Der Name dieses Phänomens entstammt dem Film «Blechtrommel» von Günther Grass. Dessen Hauptfigur, der kleine Oskar Matzerath, wollte ebenfalls eines Tages nicht mehr wachsen.

Es handelt sich somit bei diesem Wachstumsstillstand bei jungen Buchen im Unterholz nicht etwa um eine Krankheit, sondern um eine ausgeklügelte Strategie.

In dem Moment, wo einer der grossen Umgebungsbäume fällt, geht das Wettrennen unter den Jungbuchen um den Platz an der Sonne los: Sie schiessen nach dem jahrelangen Verharren und Warten völlig entfesselt in die Höhe, dem so lange ersehnten Lichte entgegen.

Schon mal einen jungen Buchentrieb wie diesen hier berührt? Neben den flauschigen Weidenkätzchen, gibt es für mich kein weicheres Tastgefühl in der Natur, als das von ganz jungen, seiden-weichen Buchenblättern.

Sie können auch gegessen werden. Hier ein Auszug aus dem Werk «Neuw Kreuterbuch» von Apotheker, Professor für Medizin und Botanik Tabernaemontanus (1522-1590): «So man frische Blätter kauet / helffen sie wohl widen den Leffzen und des Zahnfleischs hitzige Geschwulst und Geschwäre. Gestossen und aufgestrichen /stärcken sie die schlaffen Glieder…«*

Dieses Bild stammt vom 8. Mai und zeigt: Es geht nicht mehr lange und wir dürfen uns wieder dieses unglaublich intensiven, frischen Buchengrüns erfreuen, einem so leuchtend hellen Grün, wie wir es nur während dieser kurzen Zeitspanne erleben können. Nur wenig später bereits, wird das Blattgrün abdunkeln und das leuchtende Buchengrün ist wieder für ein Jahr Geschichte.

Quelle: * «Bäume – Über die Wurzeln einer tiefen Verbindung» Andreas Hase/Conrad Amber

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.